Das Heimspiel gegen die Sparkassen Wildcats Stralsund stand unter Vorzeichen, die kaum schwieriger hätten sein können. Trainer Jimmy Czimek sah sich mit einer dramatischen personellen Situation konfrontiert: Mit Hannah Mörke (verletzt) und Chiara Claassen (privat verhindert) fehlten beide etatmäßigen Mittelblockerinnen. Zudem musste das Team auf die schlagkräftige Diagonalspielerin Emelie Siegner verzichten, die in dieser Saison bereits fünf MVP-Medaillen sammeln konnte.

Besonders prekär war die Lage auf der Mittelposition: Hier fehlte jegliche Bundesliga-Erfahrung. Im Kader stand lediglich die junge Maike Zöllig, die erst vor der Saison von der zweiten Mannschaft in die Bundesliga aufgerückt war, sowie das erst 14-jährige Talent Malou Da Silva Freitas aus der zweiten Mannschaft (Jugendnationalspielerin), die in diesem Hexenkessel ihr Debüt gab.

Der Fehlstart und weitere Hiobsbotschaften
Die ersten beiden Sätze (15:25, 20:25) verliefen erwartungsgemäß schwierig. Czimeks erste taktische Variante fruchtete nicht, und das Spiel der Kölnerinnen wirkte durch die ungewohnten Positionen für den Gegner leicht durchschaubar. Erschwerend kam hinzu, dass sich bereits im ersten Satz Libera Sina Bruder verletzte. Als wäre das nicht genug, musste nach dem dritten Satz auch noch Rieke Niemeyer aufgrund von Bauchmuskelproblemen passen.

„Ein Riesenkompliment an mein Team. Wir haben ein schon an mehreren Stellen nahezu verlorene Spiel immer wieder geschafft mit großen Kämpferherzen in unsere Richtung zu bringen.“ – Jimmy Czimek

Der Wendepunkt: Mut zur Lücke und das „Retardierende Moment“
Beim Stand von 0:2 Sätzen und einem schier aussichtslosen 19:24-Rückstand im dritten Satz schien die Niederlage besiegelt. Stralsund hatte fünf Matchbälle, um den 3:0-Auswärtssieg perfekt zu machen. Doch in diesem Moment bewies Jimmy Czimek Mut zum Risiko: Er beorderte die eigentliche Außenspielerin Milena Geist, die laut Czimek „einfach Bock auf Mitte hatte“, auf die vakante Mittelposition und setzte Marina Wagner als Libera ein. Dann schlug die Stunde von Melanie Gosmann. Zuvor beim Stand von 9:12 frustriert ausgewechselt, kehrte sie bei 20:24 an die Aufschlaglinie zurück. Was dann folgte, war pure Willenskraft: Mit einer nervenstarken Aufschlagserie drehte sie den Satz fast im Alleingang. Köln wehrte insgesamt sechs Matchbälle ab und gewann den Satz unter dem tosenden Jubel der 150 Zuschauer mit 30:28.

Die Entscheidung: Über sich hinausgewachsen
Beflügelt von diesem „Wunder vom Rhein“ kämpfte sich das Team auch durch den vierten Satz. Trotz eines 21:23-Rückstands gelangen vier Punkte in Folge zum 25:23-Satzgewinn. Besonders Maike Zöllig bewies hier trotz ihres durchwachsenen Spiels Nervenstärke und erzielte den entscheidenden Punkt zum Satzgewinn.

Im Tie-Break war der Widerstand der Wildcats gebrochen. Köln setzte sich früh auf 5:2 und später auf 13:5 ab, bevor der Satz mit 15:7 und damit das Spiel mit 3:2 endete. Melanie Gosmann wurde nach dieser Energieleistung zwar nicht zur MVP gekürt – aber sie ist ein Symbol für eine erfahrene Spielerin, die ihren Frust in positive Energie ummünzte und der jungen Mannschaft die nötigen Impulse gab.

Fazit: Ein Spiel für die Geschichtsbücher
Dieses Spiel war mehr als nur ein sportlicher Erfolg; es war ein Triumph des Teamgeists über widrigste Umstände. Jimmy Czimek und Melanie Gosmann blicken mit Stolz auf die gezeigte Moral und die Qualität des Spiels zurück:

„Es war schon ein kampfbetontes Spiel mit tollen Abwehrszenen auf beiden Seiten. Die Stralsunderinnen haben zwischendurch überragend verteidigt, sodass es beiden Mannschaften wirklich schwergefallen ist, die Angriffe im gegnerischen Spielfeld unterzubringen. Ein Spiel, das lange in den Köpfen bleiben wird und wo wir mit viel Glück, das natürlich auch dazu gehört und mit einer überragenden Melli Gosmann an der Aufschlaglinie, die ja im Satz 3 bei 20:24 an den Aufschlag gekommen ist und uns da stark nach vorne gebracht hat mit guten Aufschlägen.“ – Jimmy Czimek

„Die ersten 2,5 Sätze waren wirklich wild und von vielen Fehlern, Missverständnis und Ungenauigkeiten – auch bedingt durch die zu kompensierenden Ausfälle – geprägt. Das wir dann in dieser Situation mit dem Rücken zur Wand nochmal alle das Herz in die Hand nehmen, ist eine mega Teamleistung auf die wir stolz sein können!“ – Melanie Gosmann

volleyballer.de Redaktion Redaktion volleyballer.de