Fast hätte es zur Sensation gereicht, doch am Ende kam es, wie es alle erwartet hatten: Die Weltmeister, Weltranglisten-1. und Weltrekordhalter Julius Brink/Jonas Reckermann sind nun auch Deutscher Meister: In einem dramatischen Finale setzen sie nach Abwehr von zwei Matchbällen ihre unglaubliche Erfolgsstory fort und bezwangen die Hallen-Nationalspieler Björn Andrae/Marcus Popp 2:1 (18-21, 21-13, 16-14).
Für Brink und Reckermann war es jeweils der dritte DM-Titel, Brink hatte zuvor zweimal mit Christoph Dieckmann gewonnen, Reckermann mit Markus Dieckmann. Den dritten Platz sicherten sich die entthronten Titelverteidiger David Klemperer/Eric Koreng durch ein 2:0 (21-10, 21-16) gegen Jonathan Erdmann/Kay Matysik.
Die Favoritenrolle war vor dem Finale klar verteilt: Auf der einen Seite das weltbeste Beach-Duo, auf der anderen Seite zwei Hallen-Nationalspieler, die in diesem Sommer zur Abwechslung und „aktiven Erholung“ Beach-Volleyball spielen. Doch es kam anders, als alle dachten. Die Außenseiter spielten frei von der Leber weg und waren sich der Unterstützung der Zuschauer sicher. Nach einer anfänglichen Führung der Weltmeister übernahmen die Hallen-Cracks das Kommando und hatten im Auftaktsatz stets die Führung inne. Dabei brillierten Andrae/Popp mit einem stabilen Angriffsaufbau und punkteten mit ihrem unorthodoxen Spiel (das Zuspiel als schnelles Bagger-Zuspiel) in Serie. Zudem konnte sich das Team auf die Hammeraufschläge von Andrae verlassen, der es bereits im Halbfinale hatte krachen lassen. Ein Andrae-Aufschlag brachte schließlich auch die überraschende Satzführung.
Der zweite Satz begann ähnlich, die Weltmeister spielten nicht schlecht, konnten sich aber nicht absetzen. Alle warteten auf den Ruck, auf die Wende, und die sollte – zumindest im zweiten Satz – kommen. 12-13 stand es aus Weltmeister-Sicht, dann begann eine weltmeisterliche Serie, denn Brink ging erst nach Satzende wieder von der Aufschlaglinie. Neun Punkte in Serie gelangen, weil Reckermann erfolgreich blockte und Brink stark servierte.
Neues Spiel, neues Glück hieß es im dritten Satz, in dem Andrae/Popp sich wieder geordnet präsentierten. Der Spielaufbau klappte wieder, der Spielverlauf blieb eng. Als Andrae eine spektakuläre Abwehraktion gelang und Popp den Diagonalangriff von Brink abwehrte und versenkte, lagen die Außenseiter in Führung (8-10). Reckermann beantragte eine fünfminütige medizinische Auszeit ("Ich drohte, einen Krampf zu bekommen")und ließ sich am rechten Bein behandeln. Doch auch die Unterbrechung ließ Andrae/Popp unbeirrt, die kurz vor Ende mit drei Zählern führten (10-13). Zwar verkürzte Brink per Aufschlag noch auf 12-13, doch dann hatten die Außenseiter zwei Matchbälle (12-14). Den ersten vergab Andrae per Fehlaufschlag, beim zweiten zeigte das Weltmeister-Duo seine ganze Klasse: Reckermann servierte – zum zweiten Mal überhaupt im Spiel – per druckvollem Sprungaufschlag, Brink kratzte den Ball vom Boden und versenkte ihn. Gleiches gelang Brink beim Spielzug danach, als er mit einhändiger Abwehr und Abschluss den ersten eigenen Matchball holte. Und der sollte es in sich haben: Erneut konnten Brink/Reckermann den ersten Angriff des Gegners abwehren, doch auch die Hallen-Profis verhinderten per Abwehr den erfolgreichen Abschluss. Da Brink abermals in der Abwehr zur Stelle war, ließ er sich die zweite Chance nicht nehmen und versenkte per hartem Angriff. Überglücklich fielen sich die Weltmeister in die Arme, die Unterlegenen zeigten sich keinerlei enttäuscht.
Jonas Reckermann sagte im Anschluss: „Es war mehr als knapp. Wir waren ein bisschen ratlos, wir haben alles versucht. Es lag nicht an unserer Schwäche, sondern die Beiden haben richtig guten Beach-Volleyball gespielt. Wir sind am Ende Risiko gegangen, hatten das Glück auf unserer Seite und sind total glücklich, ganz oben zu stehen.“ Brink pflichtete ihm bei: „Wir wussten, dass wir gegen zwei Ausnahme-Athleten antreten, ich hatte sie in Peking gesehen. Es sind Allrounder und Ausnahme-Volleyballer auf beiden Belägen. Aber eines hat die Saison gezeigt: Wir geben uns nicht auf. Es ist unsere Stärke, dass wir immer an uns glauben und so ein verloren geglaubtes Spiel noch drehen können.“
Trotz der verpassten Sensation zeigte sich Popp nicht sonderlich enttäuscht: „Ich bin überhaupt nicht enttäuscht. Es war das schönste Spiel in unserer kurzen gemeinsamen Zeit. Es war eine große Ehre, gegen die Weltmeister zu spielen. Wir haben keine Ehrfurcht gezeigt, hatten diese aber im Herzen und im Kopf.“ Und Andrae meinte: „Es war ein Super-Erlebnis vor dieser Kulisse mit diesen Emotionen. Ich wollte unbedingt gegen die Weltmeister spielen. Es hat mich gefreut, dass wir sie ärgern konnten, es war eine Ehre, gegen sie zu spielen.“
Für Andrae gibt es nach dem großartigen Finale keine Zeit zum Verschnaufen. Am Montag muss er um 9.00 Uhr in der Halle stehen (Andrae: „Mal gucken, ob ich laufen kann“, um sich auf die EM-Endrunde – in der Halle versteht sich – vorzubereiten. Die Hallen-Kollegen hatten ihm aus dem Trainingslager in Kienbaum die Daumen gedrückt und per Live-Ticker das Geschehen verfolgt. Diagonal-Ass Jochen Schöps meinte: „Schade, das war richtig knapp. Wir gratulieren den Beiden und freuen uns auf Björn in der Halle.“
Das Spiel um Platz drei sah einen klaren Sieger. Knapp 30 Minuten nach der Halbfinalniederlage gegen Andrae/Popp mussten Erdmann/Matysik wieder in den Ostseesand. Und die kurze Pause sowie der Frust über die Niederlage machten die Partie zunächst einseitig. „Klempeng“ wirkten frischer und motivierter. Zwar steigerten sich die an drei gesetzten Erdmann/Matysik im zweiten Satz, wirklich gefährlich konnten sie den Weltranglisten-5. jedoch nicht werden. Koreng sagte nach der Partie: „Es war sicherlich ein Vorteil für uns, dass wir das erste Halbfinale gespielt haben. Dennoch mussten auch wir uns motivieren. Das ist uns gut gelungen. Der Abschluss ist super, auch wenn natürlich ein kleines, weinendes Auge dabei ist, weil wir gegen Erdmann/Matysik in der dritten Runde verloren hatten. Dadurch kam es bereits im Halbfinale zum Duell gegen Brink/Reckermann. Wir gehen positiv aus der DM raus. Und den EM-Titel, den holen wir uns. Brink/Reckermann haben genug gewonnen.“
Bei Matysik war der Frust über die beiden Niederlagen zum Turnierausklang zu spüren: „Ich finde, dass wir nach dem verlorenen Halbfinale mehr Zeit haben müssen. Ich hätte gerne anders gespielt. Wir wollten uns Ende des ersten Satzes für den zweiten Satz einspielen, das hat nicht geklappt. Mein Turnierfazit: Wir haben ein Platz schlechter abgeschnitten als unsere Setzung – das sagt vieles.“
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