Seit dem 27. Februar ist es amtlich: Vital Heynen, 42-jähriger Belgier, ist neuer Bundestrainer der DVV-Männer. Wie es dazu kam, was der ehemalige Weltklasse-Zuspieler vor hat, wie seine Philosophie aussieht und mehr verrät er im "Interview der Woche".
Herr Heynen, seit gestern sind Sie offiziell Bundestrainer der deutschen Volleyballer. Wie fühlt sich das an?
Heynen: "Es ist eine unglaubliche Herausforderung. Gestern bin ich offiziell angefangen, und ich sehe nur die Arbeit. Ich versuche, schon jetzt viel zu tun, z.B. habe ich am Wochenende schon erste Gespräche mit Spielern und dem Staff geführt."
Wie sind die Reaktionen aus ihrem Umfeld?
Heynen: "Ich denke, die Belgier sind stolz, weil belgische Trainer nicht so oft im Ausland gefragt sind. Und dann auch noch in Deutschland, das auf Weltranglistenplatz 13 geführt wird und großes Potenzial hat."
Wie ist es dazu gekommen? Wann gab es die erste Kontaktaufnahme?
Heynen: "Das ist noch nicht zwei Wochen zurück, vielleicht zehn Tage. Wir hatten ein Gespräch über die sportlichen Aspekte, und danach war schon klar, dass die Art und Weise meiner Arbeit Möglichkeiten gibt, mit den Vorstellungen der Mannschaft und des Vorstandes übereinzukommen."
Auch der belgische und tschechische Volleyball-Verband hatten Interesse, Sie zu verpflichten. Warum haben Sie sich für den DVV entschieden?
Heynen: "Zuerst ist es das Gefühl. Ich habe mit den Tschechen gesprochen und natürlich auch mit den Belgiern. Danach musste ich mich zwischen Belgien und Deutschland entscheiden, und da ist bei der deutschen Mannschaft natürlich die sportliche Herausforderung größer. Viele Spieler sind zwischen 25 und 30 Jahren, sie spielen Wettbewerbe wie die World League und die Olympia-Qualifikation. Ich arbeite auch gerne mit jungen Leuten, weil ich sie voranbringen will. Und ich will immer gewinnen
"
Sie sagten in einem ersten Statement, die deutsche Mannschaft habe ein großes Potenzial. Wie äußert sich das?
Heynen: "Ich gucke die Liste an, wo die Spieler unter Vertrag sind. Und die deutschen Spieler sind in den großen Ligen wie Russland, Polen oder Italien. Das können nicht so viele Nationalteams vorweisen. Ich habe vorgestern den halben Tag mit Russland gesprochen, da spielen ja schon drei deutsche Spieler. Ich glaube, kein anderes Land hat so viele Akteure dort."
Sie waren bei der EM in Prag und bei der Vor-Olympia-Qualifikation in Frankreich Augenzeuge der deutschen Auftritte. Was für einen Eindruck hat die deutsche Mannschaft da auf Sie gemacht?
Heynen: "Bei der EM hat sie natürlich keinen guten Eindruck gemacht, in Tourcoing hat wieder eine Mannschaft gespielt. Und man hat gesehen, das fängt wieder an zu laufen. Ich will nicht den Weg von Tourcoing ändern, aber vielleicht etwas zufügen, um es noch besser zu machen. Der Weg muss fortgesetzt werden."
Sie kennen dementsprechend die Spieler. Welche und wie viele Spieler werden Sie zum ersten Lehrgang 2012 einladen?
Heynen: "Ganz viele. Ich kenne die Spieler von Spielen gegeneinander und von Beobachtungen. Einen richtigen Eindruck möchte ich mir aber beim Training holen. Wir wollen auch viele jungen Spieler einladen, um zu sehen, wie das Potenzial dieser Spieler ist. Vielleicht noch nicht für die Wettbewerbe in 2012, aber darüber hinaus."
Hatten Sie schon Kontakt mit Kapitän Björn Andrae oder anderen Spielern?
Heynen: "Ja, ich habe schon mit einigen Spielern gesprochen. Ich versuche, mit allen Spielern von Tourcoing zu sprechen. Ich möchte ihre Vorstellungen hören und über das Programm reden. Die ersten Kontakte waren sehr positiv. Man spürt bei den Spielern, dass sie etwas enttäuscht sind, dass die Bundestrainer-Suche so lange gedauert hat, man spürt aber auch die Lust auf die mögliche London-Teilnahme."
Aktuell sind Sie noch Trainer von Maaseik, und die belgischen Play-offs werden bis Ende April dauern. Die europäische Olympia-Qualifikation ist vom 8. Bis 13. Mai. Ein Problem?
Heynen: "Nein. Probleme gibt es immer, aber auch Lösungen. Es ist für mich kein Problem, zwei Mannschaften zusammen zu trainieren. Anfang April will ich mit den DVV-Männern anfangen, das ist kein Problem für mich. Die Spieler bekommen nach Beendigung der Liga etwas Pause, dann kommen die Spieler nach Maaseik oder in die Nähe davon."
Sie bilden zukünftig mit Stefan Hübner und Ralph Bergmann ein Trio. Wie wird die Aufgabenverteilung sein?
Heynen: "Ich stehe zwar vorne, aber intern sind wir alle gleichberechtigt. Die beiden haben schon so viel mitgemacht und so viele Informationen, die ich nicht habe. Die müssen wir nutzen, sonst fangen wir wieder von vorne an. Der Übergang muss fließend sein, das Positive von vorher muss mitgenommen werden. Ich kenne beide gut, Stefan seit 15 Jahren, mit Ralph habe ich noch zusammen gespielt. Das Trio kann gut arbeiten."
Sie haben sich schon untereinander verständigt. Wie wird das Arbeiten des Trios Heynen, Hübner, Bergmann aussehen? Welche Philosophie haben Sie?
Heynen: "Die Spieler müssen mitdenken, was sie machen wollen. Bei mir ist zunächst das Individuum wichtiger als die Mannschaft. Denn wenn das Individuum besser wird, wird auch die Mannschaft automatisch besser. Die Spieler sind das wichtigste Element der Nationalmannschaft, wichtiger als der oder die Trainer. Die konstante Verbesserung der Spieler ist das Ziel, egal ob physisch, mental, technisch oder taktisch. Der Spieler muss das Gefühl haben, dass er im Sommer etwas gelernt hat und gerne bei der Nationalmannschaft war, wenn er zu seinem Verein zurückkehrt."
Wo kommt diese Art des Coachings her?
Heynen: "Das weiß ich nicht. Ich habe vor sechs, sieben Jahren damit angefangen und mache das im Training, was ich als Spieler geliebt habe. Man muss sich gut fühlen in einer Mannschaft. Ich will nicht nur gewinnen, ich will auch von den Spielern lernen."
Greifen Sie auch auf Dinge aus ihrem Ingenieursstudium zurück?
Heynen: "Natürlich, ich habe geguckt, wie das in der Wirtschaft läuft und habe gesehen, dass die Anwendung einiger Dinge im Sport nicht so normal ist. Z.B. gibt es in der Wirtschaft, im Management viele individuelle Gespräche. Auch jetzt gucke ich noch gerne über den Tellerrand, was andere Sportarten machen oder wie es in anderen Bereichen des Lebens abläuft."
Es bleibt nicht viel Zeit bis zu den Olympia-Qualifikationsturnieren in Bulgarien und Berlin (8. Bis 10. Juni). Was können Sie in diesem Zeitraum bewirken, was ist Ihr Ziel?
Heynen: "Mein Ziel ist, dass die Mannschaft sich gut fühlt. Und dass es auf dem Spielfeld klare Absprachen gibt. Die Spieler müssen physisch okay sein, und dann müssen wir die Idee entwickeln, wie wir zusammenspielen."
Sie haben für drei Jahre unterschrieben. Was sind die langfristigen Ziele?
Heynen: "Ich will die Spieler besser machen und ihnen das Gefühl vermitteln, dass die Nationalmannschaft ihnen hilft. Das Gewinnen ist dann die Folge der guten Arbeit. Und wenn wir drei Jahre gut gearbeitet haben, davon bin ich überzeugt, dann kommt auch etwas heraus."
Sie gelten als "Volleyball verrückt". Sie sind Trainer in Maaseik, zudem sind sie aktuell auch Technischer Direktor eines niederländischen Klubs sowie Trainer eines belgischen Beach-Duos. Werden Sie nun "nur" noch Bundestrainer sein oder reicht Ihnen das nicht?
Heynen: "Man lernt überall, z.B. wie sich die Spieler im Beach-Volleyball selber organisieren. Die trainieren z.B. morgens um 7.00 Uhr, das ist kein Problem für sie. In Holland nehme ich andere Sachen wahr und nutze die für mich. Wie es genau weitergeht, weiß ich noch nicht (der Vertrag in Maaseik läuft aus, Anm. d. Red.), aber in den nächsten vier Monaten liegt mein Hauptaugenmerk natürlich auf der deutschen Nationalmannschaft."
Am 4. März werden Sie beim Vietentours DVV-Pokalfinale in Halle/Westfalen vor Ort sein. Was werden Sie dort machen?
Heynen: "Ich gucke mir die Spiele an. Und in den nächsten Wochen versuche ich, weitere Spiele in Deutschland zu sehen und evt. auch mal nach Italien zu fliegen. Live die Spiele und Spieler zu sehen, ist immer besser. Und deswegen ist das Pokalfinale für mich Pflicht."
Anmerkung: Vital Heynen ist am 4. März beim Vietentours DVV-Pokalfinale zu Gast. Kollegen vor Ort haben die Möglichkeit, das neue Trainer-Trio, Vital Heynen, Stefan Hübner und Ralph Bergmann, auf einer Pressekonferenz um 12.00 Uhr kennen zu lernen. Kollegen, die sich noch akkreditieren wollen, können dies mittels Akkreditierungsformular noch tun.


